Die Geschichte des Schweizer Frankens: Von Napoleon zur globalen Fluchtwährung
Möchten Sie verstehen, warum der Schweizer Franken (CHF), diese starke Währung und der Inbegriff eines sicheren Hafens, den weltweiten Turbulenzen so gut standhält? Der CHF war nicht immer dieser Gigant.
Ihre Geschichte ist eine faszinierende Erzählung, die vom Währungszusammenbruch in der napoleonischen Ära bis zur Einführung einer weltweit anerkannten Währung reicht.
Heute sorgen eine robuste Wirtschaft, eine geringe Verschuldung und die strategische Führung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) für ihre Stabilität.

Quelle: ProRealTime Web
Der Begriff der starken Währung ist relativ: Eine Währung kann im Vergleich zu einer anderen Währung stark und im Vergleich zu einer anderen schwach sein.
Nehmen wir als Beispiel das Währungspaar EUR/CHF (also den Wert eines Euro nach Umrechnung in Schweizer Franken). Anfang 2012 musste man noch etwa 1’219 Schweizer Franken bezahlen, um 1’000 Euro zu erhalten, heute reichen jedoch 1’035 Schweizer Franken aus, um denselben Betrag zu erhalten.
Auch wenn beide Währungen grundsätzlich als stark gelten können, hat der Schweizer Franken im Vergleich zum Euro im letzten Jahrzehnt die Oberhand behalten, da sich sein Wechselkurs gegenüber der Einheitswährung positiv entwickelt hat.

Ein weiteres Beispiel: Im gleichen Zeitraum musste man 2012 etwa 1270 $ bezahlen, um 1000 € zu erhalten, während man heute nur knapp 1134 $ bezahlen muss, um denselben Betrag zu erhalten.

Geschichte des Schweizer Frankens im 20. Jahrhundert
Von den 1920er Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg
In den 1920er Jahren brachen die europäischen Währungen nacheinander zusammen, wobei die Deutsche Mark den Höhepunkt bildete: Sie fiel der Hyperinflation der Weimarer Republik zum Opfer, in der sich der Einzelhandelspreis innerhalb von zehn Jahren von 1 auf 750 Milliarden vervielfachte. Mit anderen Worten: Ein Baguette, das zehn Jahre zuvor für 1 Mark verkauft wurde, kostete nun … 750 Milliarden Mark: Das verdeutlicht den Wertverlust dieser Währung!
Im Gegensatz dazu entfaltete die Schweizer Währung dank der Beibehaltung des Goldstandards ihren vollen Wert als Fluchtwährung, was zunehmend ausländische Investitionen anzog.
Ende der 1920er Jahre hatte der hohe Kurs des Schweizer Frankens nicht nur positive Seiten: Die exportorientierte Schweizer Wirtschaft wurde von diesem teuren Franken hart getroffen, was Mitte der 1930er Jahre zu einer Arbeitslosenquote von über 20 % der erwerbstätigen Bevölkerung führte.
Im Zweiten Weltkrieg baute die Schweiz Goldreserven auf, indem sie Rohstoffe an Deutschland verkaufte und dafür das kostbare gelbe Metall erhielt.
In diesen 25 Jahren hat der Schweizer Franken also die Grundlagen für seine Stabilität geschaffen.
Die Schweiz und die Bretton-Woods-Abkommen
Nach Kriegsende lehnte die Schweiz den Beitritt zum Bretton-Woods-Abkommen ab (das die Währungen im Verhältnis zum Dollar festlegte und an Gold band), doch der Schweizer Franken blieb dennoch eine der stärksten Währungen.
Als 1971 das Bretton-Woods-System zusammenbrach und die Währungen dem flexiblen Wechselkurs unterworfen wurden (das heisst, die Wechselkurse richteten sich nach Angebot und Nachfrage), befand sich die Schweizer Wirtschaft in guter Verfassung. Kapital strömte aus dem Ausland in die Schweizer Banken, doch die Schweizer Unternehmen, insbesondere die Industrieunternehmen, durchlebten erneut sehr schwierige Zeiten, und die Arbeitslosigkeit in der Schweiz stieg an.
Die Ölkrise der 1970er Jahre und die Währungskrise der 1990er Jahre
Die Ölkrisen der 1970er Jahre bedeuteten das Ende der verschiedenen Massnahmen, die die Schweizerische Nationalbank (SNB) ergriffen hatte, um den Anstieg des Schweizer Frankenkurses einzudämmen. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Schweiz hielten an, da es nicht gelang, die Liquiditätszufuhr in die Wirtschaft zur Abmilderung der Auswirkungen des Börsencrashs von 1987 angemessen zu steuern.
Die Folge: Die Bau- und Immobilienbranche überhitzte sich. Um dem entgegenzuwirken, erhöhte die SNB ihre Zinssätze und stürzte die Wirtschaft des Landes damit in eine schwere Rezession. Letztendlich waren die 1990er Jahre aufgrund einer zu späten Zinssenkung wirtschaftlich sehr schwierig. Dennoch konnte sich der Schweizer Franken gegenüber fast allen Währungen behaupten.
Der Mindestzinssatz als Reaktion auf die Krise von 2008
Um den Folgen der Krise von 2008 zu begegnen, beschloss die SNB im Jahr 2010, ihre Zinssätze auf null zu senken, um das Schweizer Bankensystem zu stützen, und flutete den Markt mit Liquidität.
Trotzdem behielt der Schweizer Franken seine Rolle als sicherer Hafen bei, und sein Kurs stieg gegenüber dem Euro und dem Dollar deutlich an, was die SNB dazu zwang, einen Mindestkurs gegenüber dem Euro festzulegen (um die Schweizer Exporte zu schützen), bis die EUR/CHF-Untergrenze 2015 plötzlich nachgab.
Die Gründe, warum der Schweizer Franken eine starke Währung ist
Im Falle der Schweiz lassen sich die Stärke des Schweizer Frankens gegenüber anderen Währungen durch zwei wichtige Faktoren erklären:
- das Wirtschaftswachstum; im internationalen Vergleich recht stabil und in der Lage, die letzten Krisen ohne allzu große Einbußen zu überstehen.
- die geringe Verschuldung; trotz der Krise liegt die Verschuldung der Schweiz weiterhin deutlich unter der ihrer europäischen Nachbarländer. Während die Verschuldungsquote der Schweiz nicht über 30 % des BIP hinausgeht, schießt die ihrer Nachbarn in die Höhe: 116,3 % in Frankreich und 153,5 % in Italien.
- die Stabilität des geopolitischen Umfelds. Im Gegensatz zu einigen Währungsräumen, die aufgrund geopolitischer Faktoren und/oder einer galoppierenden Inflation relativ instabil sind, überzeugt die Schweiz durch ihre hohe wirtschaftliche und politische Stabilität.
Die Schweiz, der Schweizer Franken und ausländisches Kapital
Länder mit einer sogenannten starken Währung haben alle eines gemeinsam: Sie ziehen Kapital ausländischer Investoren an. Je mehr ausländisches Kapital zufließt, desto stärker wird die Währung.
Im Jahr 2020 beliefen sich die ausländischen Investitionen in der Schweiz auf über 1216 Milliarden Schweizer Franken. Demgegenüber investierte die Schweiz damals weltweit mehr als 1460 Milliarden CHF.
Die Schweiz gehört zu den Ländern weltweit, die am meisten im Ausland investieren. Doch in den Jahren 2019 und 2020, vor dem Hintergrund der Gesundheitskrise, haben die Unternehmen des Landes 54 bzw. 34 Milliarden Schweizer Franken zurückgeführt, was den Schweizer Franken auf dem Devisenmarkt gestützt hat.
Ist der Schweizer Franken ein sicherer Hafen?
Laut einer vom CEPII veröffentlichten Studie ist der Schweizer Franken gar nicht so stark, wie oft angenommen wird. Um diese Behauptung zu untermauern, haben die Forscher das Verhalten der wichtigsten Währungen in Krisensituationen analysiert. Dabei gingen die Experten davon aus, dass eine sichere Anlage in Krisenzeiten eine positive Rendite und langfristig eine negative Risikoprämie bieten sollte.
Ausgehend von dieser Annahme haben Analysten das Verhalten von 26 Währungen über einen Zeitraum von 15 Jahren, von 1999 bis 2013, untersucht. Zur allgemeinen Überraschung weisen laut der Analyse nur zwei Währungen das Verhalten eines sicheren Hafens auf: der Yen und der Dollar.
Im Gegensatz dazu weist der Schweizer Franken, der tendenziell den Bewegungen des Euro folgt, nicht die Merkmale eines sicheren Hafens auf. Analysten weisen jedoch darauf hin, dass diese Analyse vor dem Ende des EUR/CHF-Mindestkurses erstellt wurde. Man kann daher davon ausgehen, dass sich der Schweizer Franken, da er nicht mehr an den Euro gekoppelt ist, in Krisenzeiten günstiger (und somit positiver) entwickeln wird.


