Euro: Wird die Einheitswährung durch den Brexit gestärkt?
Nachdem der Euro (EUR) in den letzten 12 Monaten gegenüber dem US-Dollar um mehr als 10 % gestiegen war, legt er zu Beginn des Jahres 2021 eine Pause ein – sehr zur Freude der Exportunternehmen der Eurozone, die im vergangenen Jahr auf eine harte Probe gestellt wurden. Trotz eines leichten Rückgangs gegenüber dem britischen Pfund […]
Nachdem der Euro (EUR) in den letzten 12 Monaten gegenüber dem US-Dollar um mehr als 10 % gestiegen war, legt er zu Beginn des Jahres 2021 eine Pause ein – sehr zur Freude der Exportunternehmen der Eurozone, die im vergangenen Jahr auf eine harte Probe gestellt wurden.
Trotz eines leichten Rückgangs gegenüber dem britischen Pfund (GBP) nach der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens zwischen London und Brüssel hat sich die Einheitswährung alles in allem bisher recht gut gegen den Brexit behauptet.
Auch wenn man versucht sein könnte anzunehmen, dass der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union in den kommenden Monaten nur begrenzte Auswirkungen auf die Einheitswährung haben wird, da das Land nicht zur Eurozone gehört, ist die Sache doch nicht ganz so einfach, und die engen Handelsbeziehungen jenseits des Ärmelkanals könnten mittel- oder langfristig durchaus eine Rolle spielen. Erläuterungen.
Begrenzte unmittelbare Auswirkungen, aber sehr reale wirtschaftliche Folgen
Auf institutioneller Ebene bedeutet der Brexit den Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem Europäischen System der Zentralbanken (ESZB), das sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die Zentralbanken der neunzehn Mitgliedstaaten der Eurozone und die neun Zentralbanken der EU-Mitgliedstaaten umfasst, die nicht zur Eurozone gehören – wobei die Bank of England (BoE) zur letzteren Gruppe zählt.
Zwar war das Vereinigte Königreich natürlich nie der Eurozone beigetreten, doch nahm es auch nicht am europäischen Wechselkursmechanismus teil, der die nationalen Währungen der (nicht zur Eurozone gehörenden) Mitgliedstaaten an die Einheitswährung bindet. Aus diesem Grund hatten das Inkrafttreten des Brexits und die anschließende Unterzeichnung des Handelsabkommens zwischen der EU und ihrem ehemaligen Mitgliedstaat am 24. Dezember nur begrenzte direkte Auswirkungen auf den Wert des Euro.
Der Brexit hat hingegen sehr konkrete Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft, die den Wert ihrer Währung beeinflussen und dies voraussichtlich auch weiterhin tun werden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die EU-Mitgliedstaaten müssen nun bis zum Jahr 2027 mit einer Lücke von fast 60 Milliarden Euro in ihren Haushaltsprognosen rechnen!
Ein Kräfteverhältnis, das eher zugunsten des Euro spricht
Seit dem Referendum über die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union am 23. Juni 2016 entwickeln sich die britischen Finanzmärkte im Durchschnitt schlechter als die der Eurozone (was vor der Abstimmung nicht der Fall war). So verzeichnet beispielsweise der MSCI-Index für das Vereinigte Königreich seit dem Referendum einen Rückgang von 8 %, während der Index für die Eurozone um fast 32 % gestiegen ist.
Zudem ist das britische Pfund, das zum Zeitpunkt der Brexit-Abstimmung noch 1,3089 Euro wert war, heute nur noch 1,1285 Euro wert. Trotz der zahlreichen Unsicherheiten, die der Austritt eines wichtigen Handelspartners mit sich bringt, behält der Euro bislang seine Stärke und Stabilität.
Entwicklung des Währungspaares GBP/EUR
Das Währungspaar GBP/EUR hat in den letzten zwei Jahrzehnten starke Schwankungen erlebt. Der spektakulärste Einbruch ereignete sich während der Finanzkrise 2008, als das britische Pfund gegenüber der Einheitswährung fast 40 % an Wert verlor und von 1,60 auf 1,02 Ende Dezember 2008 fiel – was bislang der Kurs ist, der der Parität am nächsten kommt. Nach diesem Einbruch gewann das britische Pfund zwischen 2009 und 2014 an Stärke und bewegte sich in einer Spanne zwischen 1,10 und 1,25. Das Jahr 2015 war von einem Aufwärtstrend geprägt, da das Währungspaar bei etwa 1,35–1,40 gehandelt wurde. Ein erneuter Einbruch (-25 %) im Jahr 2016 (Abstimmung der Briten für den Brexit) machte den Aufwärtstrend des Vorjahres zunichte und führte zu einer Rückkehr auf 1,10. Seit nunmehr fünf Jahren schwankt das Währungspaar zwischen einer starken Unterstützung bei 1,08 und einem starken Widerstand bei 1,20.
Sowohl an den Börsen als auch in der Währungspolitik scheint die Eurozone bislang die Oberhand zu behalten (oder zumindest das kleinere Übel zu sein). Doch wie sieht es in wirtschaftlicher Hinsicht aus?
Auch wenn es noch zu früh ist, die wirtschaftlichen Folgen des Brexits für die Eurozone genau zu beziffern, lassen sich dennoch die zwischen den beiden Wirtschaftsräumen beobachteten Kapitalbewegungen beschreiben.
Tatsächlich kündigte der Gouverneur der Banque de France, François Villeroy de Galhau, am Dienstag, dem 19. Januar, weitere Verlagerungen für das Jahr 2021 an, nachdem bereits Ende 2020 rund 2.500 Arbeitsplätze und Vermögenswerte in Höhe von 170 Milliarden Euro aus London nach Frankreich verlagert worden waren.
Die deutsche Bundesbank gab ihrerseits bekannt, dass Vermögenswerte in Höhe von fast 400 Milliarden Euro übertragen wurden, zu denen in Kürze voraussichtlich weitere 100 Milliarden Euro von der Bank Morgan Stanley hinzukommen werden.
Diese Welle von Unternehmen, die aus dem Londoner Zentrum in die wichtigsten europäischen Finanzzentren abwandern, ist eine ideale Gelegenheit für die EU, ihre eigene Infrastruktur zu stärken. Diese Kapitalbewegungen stehen im Einklang mit der Ankündigung der EZB aus dem Jahr 2019, wonach langfristig 24 Banken und Vermögenswerte in Höhe von fast 1,3 Billionen Euro von London in die Eurozone verlagert werden dürften.



